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Ist Fürths Kaufkraft unterbewertet? Der Erfolg des jüngsten Einkaufssonntags war Wasser auf die Mühlen jener, die das so sehen und deshalb für ein attraktiveres Einzelhandelsangebot plädieren. In vorderster Reihe müht sich der Oberbürgermeister, dessen Botschaft aber auf viel Skepsis stößt.
FÜRTH - Thomas Jung ist ein bisschen frustriert, denn immer wieder sieht er sich mit demselben Phänomen konfrontiert. Alteingesessene Fürther wollen ihm einfach nicht abkaufen, was er unermüdlich verkündet: dass ein schmuckes neues Einkaufszentrum im Zentrum seine Kundschaft finden wird. Erst kürzlich, erzählt der OB, hätten ihm ältere Damen entgegnet: «Wer solln nou do eikaafen?»
Der Rathauschef versprach, ihnen Material zukommen zu lassen, aus dem er gern zitiert: Expertisen der renommierten Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) und des Bundesamtes für Statistik. Aus ihnen geht regelmäßig hervor, dass die Stadt in punkto Wohlstand offenbar längst nicht die graue Maus ist, für die man sie gern hält.
Demnach legt Fürth bei der Summe, die jedem Einwohner rein rechnerisch für Konsum zur Verfügung steht, und bei der so genannten «einzelhandelsrelevanten Kaufkraftkennziffer» seit Jahren zu – und rangiert damit sowohl über dem Bundesdurchschnitt als auch deutlich vor der großen Nachbarstadt Nürnberg.
Doch Jung hat die Erfahrung gemacht, dass diese Zahlen aus seriösen Quellen kaum bewirken, was er sich wünscht. «Das Urteil, dass Fürth arm ist, hält sich hartnäckig», sagt der OB. So hartnäckig wie sonst nur die Mär, der Ausländeranteil sei besonders hoch (obwohl er bei 14,2 Prozent liegt, in Nürnberg aber bei 17,4 und in München bei 23,6 Prozent); oder so hartnäckig wie die These, die SpVgg wolle doch gar nicht aufsteigen, fügt Fußballfan Jung hinzu.
Eklatant verkannt werde, wie viel gut verdienende Bevölkerung in Stadtteilen wie Dambach, Oberfürberg oder Vach daheim sei. Beistand immerhin kommt von Einzelhändlern, deren Sprecher Norbert Staudt sagt: «Es ist genug Geld da, aber dieses Geld geht nach Nürnberg und Erlangen» – weil es der Fürther City an Attraktivität gebricht, ist Staudt, seit vier Jahrzehnten als Händler vor Ort, sicher. Genau das könnte ein «Einkaufstempel» wie die Neue Mitte ändern, glaubt er.
Eine Sicht der Dinge, die sich Michael Müller nicht aufdrängt. Bei der Bürgerinitiative Bessere Mitte ist der Rentner für die Arbeitsgruppe Wirtschaft zuständig, und nach Einschätzung des früheren leitenden Angestellten zieht die Stadtspitze zu simple Schlüsse. Denn Müller ist überzeugt, dass sich Publikum aus Randlagen wie Südstadt oder Stadeln und Vach weiterhin lieber nach Nürnberg oder Erlangen orientiert. Zudem sei die Kaufkraft gerade in der von vielen sozial Schwächeren bewohnten Innenstadt selbst eher mäßig ausgebildet.
Lieber kleinteilig
Müller zieht auch in Zweifel, dass es tatsächlich den «ungeheuren Nachholbedarf» im Sektor Textil und Schuhe gibt, den die Stadtspitze als Argument für die Neue Mitte ins Feld führt. Alles, was man in den viel gepriesenen Erlanger Arcaden kaufen könne, bekomme man auch in Fürth – etwa bei Woolworth oder bei Wöhrl. Er hält das mit 25 000 Quadratmetern konzipierte Shopping-Center deshalb für ein überdimensioniertes Abenteuer. Die Stadt solle stattdessen «kleinteilig» anfangen, zum Beispiel mit der Entwicklung des Fiedler-Komplexes, und erst bei Bedarf nachlegen.
Einwände, die für Fürths Wirtschaftsreferenten Horst Müller nicht stechen. Untersuchungen hätten belegt, dass für den Kaufkraftabfluss in die Nachbarstädte maßgeblich das fehlende Angebot bei Textilien und Schuhen verantwortlich sei. 10 000 Quadratmeter Fläche habe man durch die Schließung der Modehäuser Bätz und Fiedler verloren, nur noch 33 Prozent des Sortiments entfalle auf diese Bereiche. In vergleichbaren Städten komme man auf über 40 Prozent.
«Und Anfragen von großen Filialisten», sagt Müller, «haben wir.» Doch entweder seien ihnen die in Fürth verfügbaren Flächen nicht groß oder aber nicht attraktiv genug.
Wolfgang Händel |