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Von Sacker Kaninchen und öffentlichen Tagebüchern

Fürth ist im Internet auf sehr vielfältige Weise vertreten: Eine kleine Recherche im weltweiten Netz
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Nicht auffallen? Unmöglich für diese Frau. Ihre grünen Katzenaugen strahlen, die roten Haare senden Signale. Ihr üppiger Körper signalisiert Lebenslust pur. «Mir geht’s super“, sagt Rebecca Jahn. Das ist kein Zufall. Die 27-Jährige, die in der Fürther Innenstadt lebt, hat ihr Leben ganz bewusst gestaltet - mit dem Internet. Den ersten Klick machte sie vor knapp zwei Jahren mit ihrer Anmeldung bei www.Rubensdreams.de. Eine Seite «für Mollis und Rubensliebhaber“. Prompt meldete sich ein Mann. «Jens Kaiser wollte für mich eine Homepage gestalten - klar, da hab ich natürlich mitgemacht.“ Seitdem haben nach ihren Angaben mehr als 11 000 Menschen auf der Web-Seite (www.rebeccajahn.de.vu) vorbeigeschaut. Und Rebecca lernte viele neue Freunde kennen.

Keine Chance

«Klar, im Internet treiben sich auch Spinner rum“, weiß die Frau, die bei einer Telefongesellschaft arbeitet. Doch Becci, wie sie gerne genannt wird, macht klare Ansagen: «Männer, die lieber ein Weibchen kennen lernen möchten“, haben bei ihr keine Chance. Und Typen, die sich als Single ausgeben und «daheim Frau und sechs Kinder haben“, auch nicht.

Dafür melden sich «tolle Kerle“, die ganz bewusst nach Frauen mit einem gewissen Plus suchen: «Denen kannst du oft das Ave Maria durch die Rippen pfeifen“, sagt die schlagfertige junge Frau und lacht.

Sie wiegt 130 Kilo, ist 168 Zentimeter groß. Vor einiger Zeit waren es noch 180 Kilo, ein Magenband half beim Abnehmen. Jetzt fühlt sie sich wohl. «Auf der Straße laufen mir Männer hinterher, wollen mich kennen lernen“, sagt sie. Noch viel mehr Kontakte ergeben sich über ihre Homepage, erzählt sie. Doch die kritische Rebecca weiß auch: «Da texten dich auch hingerissene Typen an, die würden dich in der Öffentlichkeit nicht ansprechen.“

Andere schreiben sofort von Liebe und gestehen «Du bist meine Traumfrau“. Becci kichert: «Wir Mädels aus den verschiedenen Singleforen haben aber auch Kontakt untereinander und erzählen uns . . .“ Deshalb kommt auf die vorschnelle «Traumfrau“-Sülzerei die kalte Mail-Dusche: «Dem schreib’ ich dann zurück, dass er doch gestern noch Melli zu seiner Traumfrau ernannt hat.“

Denn die junge Frau, die im März erst «glücklich geschieden“ wurde, hat mittlerweile auch viele Freundinnen über das Internet gefunden. Man trifft sich im Biergarten, geht mal «schön essen“. Ganz nebenbei hat Rebecca zudem ein neues Hobby entdeckt: «Ich lasse mich gern fotografieren.“

Andreas Neubauer zum Beispiel, ein renommierter Fotograf, entdeckte sie - klar - im Netz und bat sie vor die Kamera. Ungeschminkt. «War ein komisches Gefühl“, erinnert sich das Model. «Kein Make-up, kein Schmuck, nichts.“ Die Bilder sind faszinierend - und werden bald in einem Buch veröffentlicht.

Nicht nur darauf ist Rebecca stolz. Sie hat ihr Leben neu geordnet: «Mollige werden oft runtergebuttert, irgendwann wusste ich einfach, das brauch’ ich nicht mehr.“ Den Weg zu einem neuen Selbstbewusstsein und ganz realen Kontakten fand sie in der virtuellen Welt.

Auf der Pirsch. Nur einmal angenommen, es gibt irgendwo da draußen noch Menschen, die sich kein Bild von Fürth machen können. Ein Problem? Nein. Denn da wäre zum Beispiel die Webcam (www.orcus.de/webcam.htm), die Arnim Jablonowski in Sack installiert hat. Jede Minute schickt die Kamera tagsüber ein neues Bild ins Internet. Gut, es ist nicht so, dass sich hier in 60 Sekunden viel verändern würde.

Diese Fürth-Impressionen haben nämlich entschieden Zen-Charakter: Ein Stück Straße, sieht man. Ein Feld, das grünt, ein paar Bäume und darüber wölbt sich der Himmel.

«Morgens und abends entdeckt man oft Kaninchen, manchmal liegt auch der Schatten eines Fliegers über dem Feld“, verrät Jablonowski, der in Sack ein Softwarehaus betreibt. Die Kamera hat er sogar schon einmal ausgetauscht: «Ein Kunde hatte sich beschwert, er wollte eine bessere Bildqualität.“ Bekam er. Und der 42-jährige Firmenchef einen regelrechten Fankreis für seine Knoblauchslandkamera: «Eine Weile haben wir uns gewundert, warum regelmäßig Leute vor dem Haus halten und sich interessiert umschauen.“ Mittlerweile kennt er die Antwort: Er hat es mit Fans des «Geocaching“ zu tun.

Dahinter versteckt sich eine Art virtuelle Schnitzeljagd. Dafür werden auf speziellen Internetseiten die geografischen Koordinaten eines bestimmten Standpunktes genannt, die dann mit Hilfe eines GPS-Empfängers (GPS ist ein satellitengestütztes Navigationssystem) gesucht werden. Die Webcam in Sack ist ein solcher Punkt. Wer ihn gefunden hat, kann einmal kräftig winken - und weiß, dass sein Bild nun um die Welt geht. Für eine Minute.

Auch Ralf Zwanziger aus Vach ist begeistert vom «Geocaching“. Auf seiner Homepage (www.zwanziger.de) erklärt er, wie’s geht: «Es ist eine Schatzsuche für Große.“ Seine Variante dieses Hobbys ist noch ein bisschen schwieriger: Er muss nicht nur die Stelle finden, die die GPS-Koordinaten angeben, sondern er muss dort auch ein Versteck («Cache“) entdecken. Da sind Sherlock-Holmes-Qualitäten gefragt. «Beliebte Verstecke sind Astlöcher, hohle Baumstümpfe.“ Der «Schatz“ ist meist ein kleines Plüschtier und verbirgt sich in einer Plastikdose. Aber: «Wer etwas herausholt, muss etwas Anderes hineinlegen und sich im beiliegenden ,Logbuch’ eintragen“, erklärt der 42-Jährige, der fast jedes Wochenende auf GPS-Jagd geht.

Fürth ist «exzellent“. Auch bei «Wikipedia“, der Internet-Enzyklopädie, an der jedermann mitschreiben darf. Dort errang der Eintrag über die Kleeblattstadt einen der begehrten Plätze auf der «Liste sehr lesenswerter Artikel“. Einer, der sich darum kümmert, dass Fürth bei www.wikipedia.de im rechten Licht erscheint, ist Günter Fremuth. Der 27-Jährige aus Wilhermsdorf schreibt unter dem Pseudonym «achates“ regelmäßig Beiträge für diese Seite.

Am Herzen liegen dem jungen Mann, der sich schmunzelnd die «graue Eminenz des Kursbuchs“ nennt, Verkehrsthemen - und die Bibertbahn. Auch für ihn ist das Internet viel mehr als ein unpersönlicher, virtueller Tummelplatz: «Ich habe nette Leute kennen gelernt, die ge-meinsame Arbeit auf Wikipedia hat uns zusammengeschweißt“, sagt er.

Rolf Wolle (53) aus Fürth wird ihm zustimmen. Seit der bekennende «PC-Hasser“ seine Seite www.mac-fuerth.de ins Netz stellte, hat er noch viel mehr «nette Macianer“ kennen gelernt, das heißt, Menschen, die einen Computer von Apple benutzen. Die finden auf seiner Homepage viele Tipps und «Graffl“ rund um den Apfel.

Wer dagegen wissen will, wie es Nico geht, der muss nur auf www.nicolog.de gehen. Da schreiben Robert und Claudia Seemann aus Zirndorf, die Eltern des munteren Zweijährigen, ein liebevolles Tagebuch und berichten von großen Entdeckungen (Nico futtert Nudeln) und Abenteuern (Nico erforscht die Welt).

Der andere Blick auf Fürth. Das ultimative Fürth-Tagebuch (zonebattler.twoday.net) schreibt dagegen Ralph Stenzel. Auf dezent «schlammgrauen“ Hintergrund («die Farbe erinnert mich an Fürth“) registriert der 46-Jährige Alltägliches und Spitzfindiges. Und sein Blickwinkel ist garantiert ungewöhnlich. Vier Stühle im trauten Tete-a-Tete mit ein paar äußerst diziplinierten Mülltonnen etwa ordnen sich bei ihm zu einem Fotomotiv mit Sinn und Sinnlichkeit.

Bis zu hundert Besucher kommen täglich auf sein anspruchsvolles Weblog und machen zum Beispiel mit, wenn er unbekanntere Stadtansichten erraten lässt. Der Glockenturm von St. Christophorus erscheint bei ihm dann, als sei er ein Teil des «Atlantikwalls, eine Hinterlassenschaft der Organisation Todt“.

Der öffentliche Tagebuchschreiber erkundet die Stadt, die ihm «viel Lebensfreude schenkt“, gerne auf seinem Liegerad, um das Erlebte anschließend als «virtueller Gärtner“ zu dokumentieren. «Konservierte Erinnerungen“ sind das für Ralph Stenzel, die er in die Welt schickt. Aus Fürth - bis nach Alaska. Und noch viel weiter.

SABINE REMPE (TEXT) UND HANS-JOACHIM WINCKLER (FOTOS)
24.6.2006
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